SEPIA
Experimentelles Musikvideo
- eine Art Lecture
Wolf-Dieter Trüstedt
© Mai 2017
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1 / 0:30

Eine Klangspur entsteht
und vergeht im Rauschen.
Am Anfang nur weißes Rauschen,
dann die klare Spur und die Rhythmen,
dann die Spur aus Klangstrichen,
dann die Klänge verkürzt,
dann nur noch Punkte,
später neue Bilder.
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Die Güte der beiden Filter
(zwei Filter in Serie)
ist anfangs sehr klein ==> 0,1
Die Zeiten sind groß ==> 10 Sekunden (s)
Die Metronome haben die Zeit-Faktoren:
2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10
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Der Klangaufbau - mit seinen 8 Teiltönen -
besteht aus dem Quinten-Zirkel ==>
Grundfrequenz mal 3/2 mal 3/2 mal 3/2 mal 3/2
mal 3/2 mal 3/2 mal 3/2 mal 3/2.
Das ist eine Spannweite von 49 Halbtönen
bzw. 4 Oktaven plus einem Halbton.
Die Tonfolge dieses Gesamt-Klanges
- in der horizontalen Zeit-Achse -
ist die temperierte Pentatonik.
Formel ==>
Grundfrequenz mal 2 hoch n/5.
mit n = 0, 1, 2, 3, 4, 5.
Das ist eine der javanischen Tonskalen.
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Alle Metronome sind geöffnet -
außer dem schnellsten mit dem Faktor 1.
Die 8 Teiltöne des Klanges sind gedehnt
mit dem Faktor 4.
Das Rauschfeld atmet in langen Zügen.
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2 / 3:0

Die Filter-Güte wurde hier von 0,1 auf 6 erhöht.
Die Klänge werden deutlicher,
der Klangraum verwandelt sich,
er gewinnt an Farbe.
Es entstehen die Phänomene „nah“ und „fern“.
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Die Tonhöhen sind unverändert
und die Klangdehnung hat immer noch
den Wert 4.
Die Metronome haben
unveränderte Takt-Zeiten.
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Allgemein:
Der Klangraum besteht aus einer Vertikalen:
hier bestimmt der Quinten-Zirkel diese Dimension.
Die Horizontale
ist die rhythmische Struktur -
sie wird von den Zeitfaktoren
der Metronome gebildet.
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Die Diagonale des Klangraumes
ist die Verschrängkung von
Klang- und Zeit-Struktur.
Es ist die melodische Dimension
des Klang- bzw. Musik-Raumes.
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Die Phasen der 8 Teiltöne der Klänge
(Anfangsverzögerungen)
wurden in diesem Klangbild von
einer auf mehrere Millisekunden erhöht:
die Phasen und die Filtergüte
verursachen Raum-Aspekte.
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3 / 6:15

Die Takt-Zeiten sind jetzt halbiert..
Das Leben im Klangbild gewinnt.
Die Grundzeit ist jetzt 5 Sekunden.
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Die neun Metronome haben jetzt
die Zeiten:
2 s, 3 sec, 4 s, 5 sec, 6 s, 7 sec, 8 s, 9 s..
Das erste Metronom ist leise gestellt.
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Die Lautstärken der angeschlagenen
Klänge variieren zwischen
86 und 96 (logarithmische Verhältnisse)
==>
das kann fern und nah bedeuten.
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Die Güte der Rausch- bzw.
Resonanzfilter ist immer noch bei 6.
Das ist eine relativ große Bandbreite,
d.h. viel Rauschen ist seitlich der
Resonanzfrequenz zu hören.
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Die Hüllkurven der 8 Klänge werden
gebildet aus Attack, Decay, Sustain und Release.
Das sind die Zeitprozesse beim Anschlagen
eines Klanges.
Hier sind diese Zeiten mit 4 multipliziert -
sie sind immer noch stark ausgedehnt.
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4 / 9:30

Wir hören Verfärbungen in langen Zügen.
Die Güte ist jetzt bei 12.
Die ersten beiden Attacks
dauern hier eine Sekunde.
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Beide Resonanzfilter
sind in Serie geschaltet.
Das Rauschen
spielt in der Ferne mit den Tonhöhen.
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Die Metronome spielen
Zeitabstände von
5 Sekunden mal 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10.
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Gleichzeitig spielen die Metronome
die temperierte Pentatonik -
das sind 12/5-Ton-Schritte
- auch Slendro genannt.
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Der lange und ferne Nachklang
wird vom Release erzeugt,
mit 4 mal 5 s = 20 s Dauer.
Die Pentatonik ist besonders
im Nachklang hörbar.
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5 / 12:00

Die Takt-Grundzeit ist jetzt
1,5 Sekunden.
Das ist dreimal schneller als am Anfang.
Leben und Farbe tritt ein.
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Der Klang wirkt wie von massiven Rohren,
die über eine Kante angeblasen werden.
Dazu kommen kleine Rohre,
deren Klänge ausserhalb ihrer Resonanz liegen.
Diese Klänge haben ein weites Spektrum.
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Hermann von Helmholtz arbeitete
vor 150 Jahren mit selbstgebauten
Resonatoren: Glaskugeln
mit variablen Volumina.
Helmholtz bestimmte mit diesen Hohlräumen
die Frequenzspektren von Klängen.
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Die Klänge haben Anteile von
Nähe und Ferne.
Der hell-rauschige Klang
bedeutet das Nahe
und das Resonanz-artige bedeutet
das Ferne und Offene.
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Resonanz ist
gleichzeitig Offenheit und Umschlossenheit.
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6 / 16:30

Die Güte ist jetzt relativ hoch ==> 44.
Der zweite Filter trägt nur 12 % bei -
wir hören einen hohen Rausch-Anteil.
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Der Klang ist
ungenau in der Tonhöhe, er ist haarig,
dafür ist er mächtig und ungestüm.

Die 8 Attacks liegen jetzt bei 700 Millisekunden.
Die 8 Phasen haben jeweils nur einige Millisekunden.
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Jeder Klang
ist ein eigenständiges Gebilde -
er bedeutet sehr viel mehr
als der Verlauf und die Summen
seiner Tonhöhen
und seiner Lautstärken.

Jeder Klang
hat Form und Inhalt.
Jeder Klang hat
Mitteilung und Wirkung.
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Der Klang
löst eine unmittelbare Reaktion aus
oder er beruhigt.
Der Klang
kann erschrecken oder Frieden geben.
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7 / 19:15

Die Güte der Filter ist jetzt 133
und das Mischverhältnis der beiden Filter 0,72.
Der tiefste Ton erschüttert das Rauschen.
Dieser Ton selbst ist nicht hörbar,
wohl aber wahrnehmbar.
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Die 9 Metronome
spielen die Zeiten und die Tonhöhen
gleichermaßen.
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Das Grund-Tempo
ist hier 1,5 Sekunden.
Ein „Anblas-Geräusch“ der Klänge ist
bewusst gewählt -
das ist der Klang der Serafina.
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Der Klang-Verlauf in dieser Musik
ist bei jedem einzelnen Klang
gut zu hören.
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Die Idee und die Ursache
dieser Klänge liegt
weder bei Gegenständen oder Worten,
noch sind sie eine Simulation
bekannter Klänge.
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8 / 22:00

Der Klang
ist ein eigenständiges Kunstwerk.
Musik ist üblicherweise
verschriftlichter Klang.
Musikinstrumente
sind Klang-Instrumente.
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Zahlen
erzeugen einen Klang.

Zwei Zahlenfolgen
erzeugen Klang und Rhythmus.
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Die additive Klangsynthese
setzt einen Klang aus (z.B.) 8 Teiltönen zusammen.
Die Tonhöhen dieser Teiltöne
können zyklische oder lineare Tonfolgen sein -
hier ist es z.B. der Quintenzirkel.
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Metronome spielen
diesen Klang
in Zeit-Schichtung
und in ausgewählten Tonfolgen.
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Die Tonfolge des
Klangspiels kann mit Zahlen
linear oder zyklisch
angegeben werden.
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9 / 25:00

Die Welt ist Klang.

Dieser Klang ist weder statisch in sich
noch in seiner Wiederholung.
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Die Grundzeit ist jetzt 1/4 Sekunde.

Es passen also 4 Klänge in eine Sekunde.

Es ist das Zeitmaß
der menschlichen Physis,
des menschlichen Körpers.
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1/4 Sekunde
ist nicht die Zeit der Betrachtung -
es ist die Zeit der Handlung.
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Die Spielbarkeiten von
Tönen, Zeiten und Klängen
haben in der Computermusik
keine Bedeutung.
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Wird das schnellste Metronom
(zum Beispiel)
laut und leise gestellt,
ein- oder weg-geschaltet,
ändert sich die Musik wesentlich.
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10 / 28:00

Alle Metronome laufen synchron -
sie werden gleichzeitig gestartet.

Die Klang-Dehnung ist jetzt 0,1.
Es entstehen
Zeit- und Klang-Interferenzen.
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Spiel des Zuhörers:
Hören der konstanten Klang-Wiederholungen.
==>
Die Bilder der Nachbar-Klang-Szenen
ändern sich.
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Der Grundtakt ist unverändert
==> 1/4 Sekunde.

Die Klangdehnung ist jetzt 0.1 -
der Klang hat eine kleine Zeitdauer.
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Spiel der Klänge und Zeiten
mit dem Hörer
und Spiel des Hörers
mit den Klängen und Zeiten.
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Nach wie vor
sind alle Klänge und
somit die Musik selbst
dem weißen Rauschen
entnommen.
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11 / 31:00

Das Basistempo ist jetzt 1/5 Sekunden.

Jedes Metronom spielt immer noch
nur einen einzigenTon
der temperierten Pentatonik.
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Die Klänge beginnen
mit sich selbst zu spielen.

Die Klänge haben in ihrem Spiel
keine Intention.
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Die 9 Metronomtöne haben jeweils
einen Tonhöhenabstand von 240 cent
das sind 2 und 2/5 Halbtöne.
Es gibt Oktaven, aber keine Quinten.
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Die neun Takt-Zeiten haben
verschiedene Teilbarkeiten.
Es entstehen Percussion-Inseln,
die sich verschieden häufig wiederholen.
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Obwohl der Klang aus
8 Teiltönen besteht,
ist die Musik einstimmig.
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12 / 33:45

Die Klang-Zeit ist jetzt
20 mal länger.
Das Tempo ist nur 4 mal
verlangsamt.
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Sind die Klänge länger als die Puls-Abstand-Zeit,
werden die Klänge entsprechend der Phasen-Zeit
auf Null geregelt.

Die Filtergüte ist jetzt 75,
das bedeutet mehr Rauschen.
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Bei langen Zeiten,
beginnt der Klang zu erzählen.

Das Rhythmische verliert an Bedeutung.

Der Klang spielt wieder mit sich selbst,
er scheint zu improvisieren.
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Die neun Takt-Zeiten haben
verschiedene Teilbarkeiten.

Es entstehen Percussion-Inseln,
die sich verschieden wiederholen.
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Die neun Metronome
spielen in dieser Improvisation
mit neun Tonhöhen,
der gesetzten Pentatonik.
Die Musik ist polymetrisch.
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13 / 36:45

Als Gegensatz:
Der Klang ist jetzt 1000 mal kürzer
und das Tempo ist 5 mal schneller.
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Die Klangzeit-Dehnung beträgt jetzt 0,003.
==>
Die Klangdauer ist auf einige Millisekunden verkürzt.

Es ist die Resonanz von Steinen.
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Das Rhythmische ist jetzt betont -
es ist herausfordernd.

Das Rauschen
zeigt jetzt Stein-Härte und Stein-Oberfläche.
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Das Rauschen
erhält etwas Materielles.

Ein Gegenstand ist
jetzt hörbar und spürbar,
ohne sichtbar zu sein.
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Die Ton-Lage wurde
2 Oktaven höher gesetzt.

Klang-Helligkeit und Tonhöhe
scheinen korreliert zu sein.
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14 / 39:45

Lange, hohle Klänge:
zunehmend lange Attacks
von 140 bis 1000 ms.

Klangdehnungs-Faktor 2 und
mehr Rauschen durch eine kleinere Güte
==> Güte = 80
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Klangaufbau:

Die Phasen der tiefen Teil-Töne
sind sehr lang.

Der Klang verformt sich ruhig.
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Die Tonhöhen der 8 Teiltöne des Klanges
folgen immer noch dem Quinten-Zirkel:
MIDI ==> 36 43 50 57 64 71 78 85
(Tonabstand jeweils 7 Halbtöne) .
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Die Tonfolge,
in der diese „Quinten-Zirkel-Klänge“
gespielt werden,
ist immer noch die temperierte Pentatonik
nach der Formel 2 hoch n/5.
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Diese Klänge sind real.
Wir könnten sie dennoch unwirklich nennen,
weil sie von keiner sichtbaren Materie erzeugt werden.

Aber:
Unsere Ohren trügen nicht.
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Abspann:

Dank an Miller Puckette in San Diego -
er hat das Computerprogramm PURE DATA geschrieben.
Musik, Texte und Video: Dieter Trüstedt
Edition: www.echtzeithalle.de
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